Beate Schulte vom KWA Oldenburg, im Gespräch mit Detlef Sauthoff

Detlef Sauthoff ist, Dipl. Sozialpädagoge, Systematischer Supervisor, Mediator und Ausbilder. Er ist in der Evangelischen Erziehungs, – Ehe- und Lebensberatung in Leer tätig und KDA-Referent.

 

BS: Detlef, was genau gehört zu deinen Beratungsaufgaben?

DS: Zu meinen Aufgaben gehört die Arbeitsweltnahe Beratung in der Beratungsstelle für Ehe- und Lebensfragen, in Leer. Dort bin ich für alles zuständig, was Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an Beratungsbedarf entwickeln. Das können Schulabgänger*innen sein, die noch nicht wissen, welchen Berufsweg sie einschlagen sollen, oder es sind junge Mitarbeitende in einem Unternehmen die sich dort erst einmal orientieren müssen, in Teams, mit Vorgesetzten, wo es dann auch mal zu Konflikten kommen kann. Es gibt aber auch Führungskräfte, die ihre Position, zwischen den Stühlen, als unangenehm und belastend empfinden und bei der Frage, wie kann ich mit dieser schwierigen Situation zurechtkommen, Unterstützung benötigen.

 

BS: Wie hast du persönlich die letzten Monate, seit Beginn der Pandemie erlebt?

DS: Die letzten Monate waren ein ständiges Auf und Ab, und mit einem rasanten Tempo unterlegt. Höhen und Tiefen im Wechsel, die einen ständig vor neue Herausforderungen gestellt haben, die da hießen:

  • Wie gehe ich mit komplett neuen Fragen in der Beratung um?
  • Wie gehe ich mit neuen Situationen um?
  • Wie schaffe ich das Ganze? Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Einschläge Corona-Bedingt, trotzdem in der Beratung zu bleiben?

Also, die letzten Monate waren ein Auf und Ab und mit einer Geschwindigkeit, die für einen Ostfriesen nur ganz schwer zu steuern ist.

 

BS: Wie sehr ist deine berufliche Tätigkeit eingeschränkt?

DS: Also, die berufliche Tätigkeit ist schon sehr eingeschränkt, weil die Beratung nur noch in speziell dafür geeigneten Räumen stattfinden darf. Wo man vernünftig lüften kann und wo genug Platz ist um die Abstandregeln einzuhalten, aber wo man trotzdem die Möglichkeit hat, sich gut zu begegnen und sicher zu sein. Insofern ist die Beratungstätigkeit, von den äußeren Rahmenbedingungen, schon stark eingeschränkt, weil wir für mehr Anfragen, jetzt aber weniger Räume zur Verfügung haben, als vorher. Dazu kommt, dass wir uns auch im Team mehr absprechen müssen, was die Raumbelegung betrifft.

Eine weitere Einschränkung ist, dass sich, bei Video oder Telefongesprächen, die Wahrnehmung verändert, weil ich dort ganz anders berate, als in einer ein zu eins und live Situation.

 

BS: Ist der Beratungsbedarf gestiegen?

DS: Ja, der Beratungsbedarf ist stark gestiegen. Also Bundesweit, und so ist es auch bei uns, sagt man ungefähr ein Drittel mehr Bedarf, als in den Jahren vorher. Hinzugekommen sind hier verstärkt, alle pflegerischen Tätigkeiten, ob das jetzt Altenpflege, Krankenpflege, Kindergärten oder so ist. Also alles wo es darum geht, Betreuung zu gewährleisten. Wo die Politik sagt, das muss in jedem Fall und hundert Prozent laufen, dort ist der Druck enorm gestiegen. Die Zeiten des Applauses, vor den Krankenhäusern und Altenheimen, ist längst vorbei. Auch der Versuch einer Aufwertung dieser Arbeit, durch eine Finanziellen Prämie, macht die Situation nicht besser. Die Anforderungen in diesem Pandemiegeschehen sind extrem hoch. Es ist ganz schwer für die Mitarbeitenden auszuhalten, was da an Druck von den verschiedensten Seiten, wie Angehörigen, Patienten, Vorgesetzten, Gesellschaft, Organisation, auf sie zurollt.

 

BS: Was hat sich im Beratungsbereich verändert?

DS: Positiv verändert hat sich, dass mehr Menschen eine Idee davon bekommen, mit ihrer Situation nicht mehr allein sein zu wollen, sondern sich professionelle Hilfe zu holen. Wenn aus einer Altenpflegeeinrichtung eine Pflegekraft bei mir war, dann kann ich davon ausgehen, dass das drei weitere Kolleginnen und Kollegen nach sich zieht. Die erzählen dann davon weiteren Kolleginnen und Kollegen und die stellen fest, dass diese Person jetzt besser mit dem Stress zurechtkommt, der sie umgibt und holen sich auch einen Termin. Da wirkt Corona dann auch positiv. Aber dazu hätte es natürlich nicht eine Pandemie gebraucht.

 

BS: Ist was Wichtiges aus dem Blick geraten?

DS: Dass was zunehmend mehr aus dem Blick gerät ist, wie wichtig eigentlich das Betriebsklima ist. Wie wichtig das Klima in Teams ist und das es nichts Gott gegebenes ist, ob es funktioniert oder nicht, sondern das man dafür wirklich hart, hart arbeiten muss.

Im Moment machen sich Unternehmen viele Gedanken über Finanzierungen und Zielerreichung und sonstiges, was natürlich wichtige Dinge sind. Aber es braucht sowohl eine gute Arbeitsatmosphäre, als auch eine gute Streitkultur. Denn es muss möglich sein, dem Vorgesetzten auch mal ein Feedback zu geben ohne Angst um seinen Arbeitsplatz haben zu müssen. Das gerät aber mehr und mehr in den Hintergrund. Und alles was man früher so gemacht hat, um ein gutes Betriebsklima zu fördern, wie z.B. eine klassische Weihnachtsfeier, fällt einfach aus. Ja, gut, darauf kann man ja mal verzichten! Kann man sicherlich auch, nur muss man auch im Blick haben, dass etwas Sinnstiftendes verloren geht. Da würde ich mir einfach wünschen, das wieder ein bisschen mehr in den Blick zu nehmen, trotz der aktuellen Probleme, die gelöst werden müssen.

 

BS: Was wünschst du dir von Kirche und Gesellschaft in der Pandemie?

DS: Meine Wünsche an Kirche: „Macht endlich den Mund auf!“ Sprecht stellvertretend für die, die im Moment nicht gehört und gesehen werden. Die in Altenheimen weggesperrt werden, wo die Fenster und Türen zugemacht werden und keine Besuche zugelassen werden. Wo in Krankenhäuser Security am Eingang steht und ein Ehemann, seine Frau und das Neugeborene Kind nicht besuchen darf.

Diese Maßnahmen haben aus Pandemischer Sicht sicher ihre Berechtigung. Aber wenn ich mir angucke, was wir als Menschen brauchen, dann brauchen wir den Kontakt und nicht die Isolation. Immer dann, wenn Isolation stattfindet, muss Kirche den Mund aufmachen! Und das gilt aus meiner Sicht für die Altenheime, wie auch für die Krankenhäuser. Menschen müsse geschützt werden, das ist keine Frage, aber wir dürfen sie auf gar keinen Fall isolieren.

Von der Gesellschaft wünsche ich mir: Hört auf zu meckern und zu jammern, „Ich will aber keine Maske tragen, das ist eine Beeinträchtigung meiner gesellschaftlichen Freiheitsrechte“ Solche Sätze machen mich wahnsinnig, weil ich denke, dass ist so eine Winzigkeit, im Vergleich dazu, dass Menschen ihr Leben verlieren, aufgrund dieser Pandemie und des Covid-19 Erregers. Da muss jede und jeder sich mal zurücknehmen und runter steigen, von seinem hohen Ross und sich sagen, es geht ausnahmsweise Mal nicht um mich, sondern es geht ausnahmsweise Mal um die anderen und deren Schutz. Durch einen Mund-Nasen-Schutz schütze ich den anderen und der andere mich.

 

BS: Ein gutes Schlusswort. Herzlichen Danke für das Gespräch!

Informationen der Ev. Beratungsstelle für Erziehungs- , Ehe- und Lebensfragen in Leer.

 

Detlef Sauthoff

Dipl. Sozialpädagoge, Systematischer Supervisor, Mediator und Ausbilder

Detlef Sauthoff ist seit 34 Jahren im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der Ev.-Luth. Kirche Hannover tätig und dort mit einer halben Stelle für den Sprengel Ostfriesland/Ems zuständig. Mehr zu seinem Profil und Beratungsangeboten auf www.detlef-sauthoff.com

Beate Schulte

Diakonin

Als Sozialreferentin für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt in der Ev.-luth. Kirche in Oldenburg arbeitet Beate Schulte zwischen Arbeitswelt und Kirche. Dabei kooperieren die KDAs aus Oldenburg und Hannover.