Scheitern hat keine Kultur in Deutschland, oder genauer, der Umgang mit Scheitern ist eine Kultur des Verschweigens und Tabuisierens. Auch dieser Zusammenhang wird in der Pandemie durch das Virus deutlich, wenn ich genau hinschaue.

Das fängt damit an, dass Menschen sich die Schuld geben, wenn sie sich infizieren. Was habe ich falsch gemacht, wo nicht aufgepasst? Wen habe ich jetzt eventuell angesteckt, o Gott, ich bin schuld, dass …

Der KDA Hannover hat begonnen, das Thema Scheitern in einer Gesprächsreihe zu beleuchten. Im Fokus steht dort das Scheitern in unternehmerischer Verantwortung.

Im ersten Gespräch, das ich mit Attila von Unruh vom TEAM U geführt habe, ging es um die »Anonymen Insolvenzler«, eine Selbsthilfebewegung, die Attilla von Unruh gegründet hat. Seit vielen Jahren treibt das Thema um, weil er selbst eine eigene Geschichte mit unternehmerischem Scheitern hat.

Im zweiten Gespräch habe ich mit Daniel Helberg gesprochen, der vor Jahren erstmals Insolvenz anmelden musste und in diesem Corona-Jahr ein zweites Mal. Er erzählt sehr anschaulich davon, was diese Erfahrungen mit ihm gemacht haben und vor allem, was hilft und wer nicht. Seine These: Zuhören tut gut – vor allem, wenn mein Gegenüber auf Augenhöhe ist, also einen gewissen eigenen Background zur Thematik hat.

Meine beiden Gesprächspartner haben gesagt: Corona wird zu erheblichen Insolvenzen führen, sicher mit Verzögerung, aber unausweichlich. Denn Märkte verschieben sich, wenn Menschen Gewohnheiten verändern – und das dies in unserer Gesellschaft gerade geschieht, ist offensichtlich. Daher geht viel Angst und Unruhe in Betrieben um, bei Beschäftigen wie bei Führungskräften bzw. Unternehmer*innen. Eine Beobachtung, die mir Mitarbeitende von Arbeitgeberverbänden bestätigen. Originalzitat: »Lieber Herr Jung, ich mache hier auf einmal Seelsorge, ich habe erstmals in meiner Tätigkeit hier weinende Unternehmer am Telefon…«

Kontrastmittelcorona. Es wäre für unsere deutsche Gesellschaft gut und hilfreich, wenn diese schwierige Zeit uns auch miteinander ins Gespräch darüber bringt, wie wir mit dem Scheitern umgeben. Denn es stimmt einfach nicht, dass jede*r selbst schuld ist.

Matthias Jung