Von Gunnar Spellmeyer

Die Corona-Pandemie hat einen deutlichen Verweischarakter. Dieses ›neue Normal‹ verweist auf brüchige Systeme, auf unsere Ängste, auf nicht lineare Welten und auch unbegreifliche Erscheinungen.

Nur scheinbar trivial zeigen sich die Veränderungen im Alltagsleben Leitsysteme auf Fußböden gewinnen an Bedeutung und kommen den geneigten Blicken der Smombies (in etwa: Smartphone-Nutzer im Verkehrsraum) zu Gute. Spuckschutzscheiben entwickeln sich vom Provisorium zur innenarchitektonischen Notwendigkeit. Stationäre Desinfektionssprays suchen ihren natürlichen, selbstverständlichen Platz. Die Wassersparfunktion in öffentlichen Toiletten entspricht nicht der Länge zweier Happy-Birthday-Strophen. Und die zu eng montierten Pissoirs sind endlich auf Abstand zu nutzen. Warteschlangen werden länger und wir stehen beim Bäcker im Regen. Die zeitliche Orientierung anhand der Länge einer Warteschlange will neu kalibriert sein. Wir lassen Anderen wieder den Vortritt, nicken grüßend in Verständigung ob der neuen Situation am Warenregal. Überlieferte, zumindest nicht aktualisierte Warenhauskonzepte werden corona-entschuldigt geschlossen. Online-Shop-Systeme bemühen sich um Synergien mit dem stationären Handel. Präsenzlehre war einigermaßen egalitär, der Einblick in private Student*innen-Zimmer macht Unterschiede deutlicher. Global vernetzte und doch irgendwie zentrale Systeme leiden unter brüchigen Lieferketten, 3D-Druck und digitale Tools gewinnen an Akzeptanz.

Corona verweist im Kleinen wie im großen Ganzen auf Veränderungsbedarfe. Darüberhinaus offenbart es Krisen und fordert uns heraus, Chancen zu erkennen. So wird Corona beinahe zwangsläufig zum „Tipping Point“ für Innovation.

Der kanadische Autor und Unternehmensberater Malcolm Gladwell beschreibt den „Tipping Point“ als Siedepunkt, als Schwelle über die hinein eine Neuheit in eine breite Akzeptanz strebt, als den  Moment also, der Innovation möglich, akzeptiert und sinnvoll  macht. Für Video-Schaltungen war Corona der Tipping Point. Es wird spannend bleiben, welchen Innovationen die Pandemie über die Schwelle hilft. Ohne Zuversicht und Verbundenheit wird es nicht gehen.

Gunnar Spellmeyer

Professor für Industrial Design an der Hochschule Hannover

Gunnar Spellmeyer ist als Innovator, Keynote-Speaker, Design Thinking und Entrepreneurship Experte aktiv.