Von Matthias Jung

Im weltbekannten Sonnengesang lobt Franz von Assisi in einer poetischen Sprache die Elemente als Teil der göttlichen Schöpfung, Wind, Regen, Feuer, Mond. Als Mensch sieht Franz sich verbunden mit diesen Elementen, auch er lebt nur, weil und insofern es Erde, Sonne usw. gibt. Und es gilt, einen guten Umgang mit ihnen zu pflegen, denn Feuer und Regen, Wind und Sonne können mir als Mensch auch gefährlich werden.

Als ich den Sonnengesang in diesen Tagen wieder einmal las, dachte ich: Franz würde vermutlich auch das Corona-Virus als Schwester ansehen und Gott dafür loben. Ein Gedanke, der mir im ersten Moment schwer über die Lippen geht. Aber Corona ist auch hier ein Kontrastmittel, das Aspekte meines Lebens sichtbar werden lässt, die sonst im Dunkel liegen. Also,

Schwester Corona, was zeigst Du mir?

Auch mit Dir bin ich geschwisterlich verbunden. Das schließt ein, dass ich mich und andere vor Dir schützen muss wie in anderen Lebenslagen auch. Schwestern und Brüder zu haben ist ja keine konfliktfreie Angelegenheit. Als Mensch habe ich Begrenzungen, die ich respektieren muss, ein Gedanke, der in der Klima-Krise mehr und mehr ins Bewusstsein rückt. Es gibt zu hohe und zu niedrige Temperaturen, es gibt Giftstoffe und vieles andere mehr. Aber ich lebe in einer Welt, in einer Landschaft, in der alles miteinander verbunden und verwoben ist. Mit welchem Blick betrachte ich meine Landschaft: Ist sie mir »vertraut« oder macht sie mir Angst? Wie bewege ich mich so in meiner Landschaft, dass Vertrauen und Sicherheit in einem guten, lebensförderlichen Verhältnis stehen? Leben ist so viel mehr als die reinen körperlichen Bedürfnisse, dazu gehört auch Teilhabe an Gemeinschaft und den »schönen« Dingen des Lebens, Musik, Kunst usw.

Schwester Corona, wie viele Abstriche an Sicherheit muss ich machen, um in der Zeit, in der Du die Welt in Atem hältst, auch diese Bedürfnisse leben zu können? Was lehrst Du mich über das Verhältnis von Nähe und Distanz? Dich als Schwester zu betrachten, verändert meinen Blick und führt mich heraus aus der Angst. Du bist und bleibst aber eine Schwester, zu der ich auf Distanz bleiben werde und muss, weil Du mein Leben gefährdest. Aber Du bist auch Teil des lebendigen Organismus, den ich als Christ als Schöpfung Gottes ansehe: Gott als Ursprungsmacht will, dass dieser verwobene lebendige Organismus existiert, mit all meinen Geschwistern.