Von Laura Rinderspacher

Zunächst mal ist die Situation „mit Verlaub gesagt“ absolut zum Kotzen. Tröstende Worte oder Lichtblicke werden bei vielen noch auf keinen fruchtbaren Boden fallen können. Dafür stecken wir, entgegen dem Eindruck den wir bei dem einen oder anderen Blick auf unsere Strände bekommen, noch immer mitten in der Krise und die Auswirkungen trafen uns gesamt gesellschaftlich aber auch individuell sehr hart. Ich möchte daher versuchen branchenbezogene, nachhaltige Lichtblicke aus den Bereichen Wirtschaft, Arbeitswelt und Kirche aufzuzeigen. Mit der Hoffnung, dass sich daraus auch für jede*n Einzelne*n neue Lichtblicke ergeben können.

#kontrastmittelcorona

Corona wirkte und wirkt noch, wie ein Kontrastmittel durch unsere Gesellschaft. „Das Mittel“ schoss durch jede Ader unserer (Zusammen-) Lebens. Es fragte nicht nach Gerechtigkeit, nach gewachsenen Strukturen oder nach Abkommen und Verträgen. Es hält uns erbarmungslos und sehr gezielt einen Spiegel vor und zeigt uns ganz klar, wo, etwas reißerisch gesagt, unsere Tumore sitzen. Die enttarnten Missstände waren natürlich auch schon vor der Corona-Pandemie da und wir kannten oder zumindest erahnten sie auch schon. Aber eben nicht so deutlich. Heute haben wir den Befund. Ich möchte im Folgenden drei enttarnte „Fremdkörper“ beleuchten, die durch Corona besonders sichtbar wurden:

#modernesklaverei

Nicht seit gestern wissen wir, dass es auch in Deutschland Formen von Arbeit gibt, die mit unserem Verständnis von Menschenwürde nicht vereinbar sind. Wir wissen es zum Beispiel durch zahlreiche Anklagen gegen die Unternehmensgruppe Tönnies wegen Körperverletzungen, Kameraaufnahmen in Umkleidekabinen, miserable Unterbringen und nichtbezahlter Überstunden. Durch Werkverträge bei Subunternehmen meist wenig erfolgreich und kaum wirksam. Diese Werkverträge werden, nicht nur in der Fleischindustrie, schamlos ausgenutzt und führen zu großer Abhängigkeit und Ausbeute. Bisher stießen Kampagnen, Petitionen und Initiativen gegen den Missbrauch der Verträge nur vereinzelt auf offene Ohren aus der Politik. Das allgemeine Erwachen kam durch die hohe Zahl an infizierten Mitarbeiter*innen in Schlachtbetrieben. Die Bilder von Mitarbeiter*innen auf engstem Raum gingen mehrere Tage durch die Nachrichten, es gab etliche Artikel in den Printmedien, es wurde zum Thema vieler Talkshows und in den sozialen Netzwerken heiß diskutiert. Die Politik geriet innerhalb weniger Tage unter solchen Druck, dass es zu Januar 2021 ein Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie geben soll. Ich vermag nicht zu urteilen, ob dieses Verbot der hilfreichste Schritt ist, aber es passiert etwas über Selbstverpflichtungen hinaus. Ich hoffe, für die Mitarbeiter*innen der Fleischindustrie ist es ein Lichtblick.

Wir als Privatpersonen sehen durch die intensiven Einblicke in die Fleischproduktion vielleicht einmal mehr die erbarmungslose Maschinerie, die hinter unserem Fleischwohlstand streckt – Nutzen wir das.

#pflegebonusfürimmer

Spätestens mit dem Bild „Game Changer“ von Banksy, auf dem ein Junge seine Superheldenfiguren Batman und Spiderman gegen die einer Krankenschwesterfigur austauscht, haben wir das Heldengefühl für Ärzte und Pflegepersonal gespürt. Wir haben die körperlichen Anstrengungen gesehen und können die psychischen Belastungen nur erahnen. Sicher haben wir es hier mit einer nicht vergleichbaren Ausnahmesituation zu tun. Und trotzdem haben wir einmal mehr gemerkt, ohne Gesundheit und Pflege funktioniert unser System nicht. Care-Arbeit ist ein Fundament unserer Gesellschaft. Dem gegenüber steht ein immenser Personalmangel, verursacht durch ein Missverhältnis zwischen Bezahlung und Belastung. Bekannt aber gebilligt. Die Motivation des Dienstes am Menschen reicht nicht (mehr) aus. Der Pflegebonus ist eine gute Geste (der leider nicht alle „Held*innen“ erreicht) aber im Grunde auch das Mindeste, vielleicht ein Lichtblickchen. Was wir wirklich brauchen ist eine komplette Neubewertung der Pflegearbeit. Die Sichtbarkeit und die Wertschätzung des Gesundheitssystems war nie so hoch wie in den letzten Monaten – Nutzen wir das.

#ichsehewaswasdunichtsieht-kirche

Neben diesen zwei Aspekten aus Wirtschaft und Arbeitswelt möchte ich noch ein „Widerstand“ in eigener Sache nennen: Den der Kirche. Es wird den meisten nicht entgangen sein, dass es zahlreiche Artikel und Gastbeiträge in unterschiedlichsten Zeitungen zur „Nichtsichtbarkeit“ von Kirche bzw. Kirchenleitungen gab. „Warum schweigt die Kirche?“, „Zu angepasst“ und sogar das „Versagen der Kirche in Krisensituationen“ waren die Anklagepunkte. Zwar wurde die Arbeit der Gemeinden durchaus gesehen und wertgeschätzt, die Einordnung und Stellungnahmen zu Corona, die Begleitung durch die Pandemie und das Starkmachen für die „Schwächsten“ hingegen, fehlten vielen dieser Autor*innen. Und auch meinen Kolleg*innen und mir ist nicht nur einmal die Frage nach „Wo ist denn die Kirche jetzt?“ gestellt worden. Ich möchte nicht über Recht und Unrecht dieser Artikel sprechen sondern die Frage, die dahinter steckt in den Fokus rücken. Die Krise brachte noch einmal sehr uncharmant die Frage nach der Relevanz von Kirche für eine breite Masse ans Licht. Eine Frage, auf die die Kirchen nun sehr deutlich, selbstkritisch und ehrlich antworten sollten. Welche Lektionen können wir aus der Krise ziehen? Wie begegnen wir unserer eigenen lähmenden Bedrohung, der an Relevanz, Mitgliedern und Zustimmung zu verlieren? Wir konnten durch die Pandemie viel über die Erwartungen der Gesellschaft an Kirche aber auch über uns und über das kurzfristige, kreative Potential der evangelischen Kirche (vgl. Intro zu elf Leitsätzen des Z-Teams) lernen – Nutzen wir das.

#lichtblick

Auch wenn es manchmal zunächst schwerfällt, einen Lichtblick zu erkennen: Wir sehen es jetzt. Wir sehen deutlich wie nie, wo unsere „Tumore“ sitzen und führen Diskussionen, die zuvor unmöglich waren. Wäre hätte Anfang 2020 geahnt, dass wir über eine Deglobalisierung nachdenken würden? Ob sinnvoll oder nicht-sinvoll sei mal dahingestellt, aber wir hinterfragen vieles neu und haben aktuell eine echte Chance auf „Game Changing“ – Neu aufstellen müssen wir eh vieles. Durch Corona sehen wir vieles viel deutlicher. Und es sehen nicht mehr nur die Patient*innen sondern auch die Ärzt*innen. Ein wichtiger Schritt, denn wir können nur operieren und heilen, was wir auch klar sehen. Das macht mir persönlich Hoffnung. Haben Sie durch Corona auch einiges klarer sehen können? Etwas, was Sie jetzt zum Besseren ändern können?

Laura Rinderspacher

Referentin für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt

Laura Rinderspacher ist KDA-Referentin in der Wirtschaftsregion Hannover. Sie setzt sich mit Schein und Seinder Arbeitswelt junger dynamischer Unternehmen auseinander. Was kommt nach Krökeltisch, Obst und gratis Getränken in Startups und Agenturen?